YOGA-SUTRAS

in Essenz:



*Die vier edlen Wahrheiten*

heya (dukha)heya-hetu (samyoga)…hana (kaivalya)…hana upaya (viveka)

 heya – das vermeidbare Leiden (dukha) ist zu vermeiden (II.16).

 heya-hetu – der Grund für das vermeidbare Leiden ist die unwissende Verbindung (samyoga) der wahren Identität mit der persönlichen Mentalität (II.17).

 hana – das Loslösenkönnen von dieser unweisen Verbindung ergibt die Freiheit/Unabhängigkeit (kaivalya) vom Leiden (II.25).

 hana-upaya – die Methode des Loslösens ist die Entwicklung der klaren Einsicht (viveka) (II.26).

…und ihre Verwirklichung…

Diese klare Einsicht des viveka wird durch die Beschreitung und Ausübung der wegweisenden Yoga-glieder (yoga-anga) gewonnen. Notwendig dafür ist die Kultivierung der rechten Praxis (abhyasa), die zusammen mit der rechten Einstellung (vairagya) zur rechten Einsicht (viveka) führt und unser wahrnehmendes Bewusstsein (chitta vritti) in seiner wahren Natur (svarupa) zur Ruhe kommen lassen kann (nirodha). Dies ist die Freiheit des Yoga (kaivalya). Wo die gelebte Erfahrung sich isoliert von der eingebildeten Vorstellung; wo unsere natürliche Wahrnehmung unabhängig wird von der kultivierten Konditionierung; Bewusstsein versus Phantasie – Wahrheit versus Illusion.



*Das Lied vom Leid*

Klesha und die Leidenschafft die leidenschafftlich Leiden schafft

Die Leidenschafft des klesha ist kein schuldiges Leiden das es abzutragen gilt, sondern unsere leidenschafftliche Verwicklung in der Ignoranz des strebenden Geistes (avidya), der alle anderen Leidenschafften zu Grunde liegen. Diese Ignoranz des Avidya ist sowohl Wissen wie Unwissen und umfasst deren gesamte Spannbreite vom Sinn bis zum Unsinn; je schlauer, klüger und überzeugter, desto leidenschafftlicher und immer verstrickter in der falschen/ignoranten Annahme das unser kleines ich unser wahres Selbst ist.

Die aus dieser Ignoranz hervorspringende Identifizierung und unweise Verbindung (samyoga) des ’Sehenden’ mit dem ’Gesehenem’ macht die nächste Leidenschafft unserer Ich-Identität (asmita) aus. Dieses ’ich’ das immer leidenschafftlicher etwas will (raga) oder auch nicht will (dvesha) und Angst hat sich selbst in Frage zu stellen (abhinivesha), verkrallt sich in der Kleinheit des eigenen Geistes und ruft eben so das Leiden des Dukha hervor das es zu vermeiden gilt – solange bie es uns leid ist. Wenn die Leid schaffende Leidenschafft einem leidenschafftlich leid ist, dann hat sich das Lied vom Leid ausgesungen und man ist offen für neue Wege. Offen und bereit für das ’jetzt’ (atha) mit dem die Sutren das Yoga beginnen und uns auf den praktischen Pfad der rechten Bemühung des abhyasa, der unverhafteten Einstellung der vairagya und der klaren Einsicht des viveka führen.



*Was uns bindet macht uns auch frei*

sva-svami-shaktyoh sva-rupa-upalabdhi-hetuh samyoga (II.23) 

Allerdings ist es eben auch diese unweise Verbindung des samyoga die uns den Weg zur Freiheit weisst. Sie erscheint notwendig damit das Selbst sich durch das ich erfahren kann; der ultimative Grund warum Gott den Menschen schuf. Samyoga das seine Wurzel in der Ignoranz des avidya hat, wird zum Yoga wenn die Ignoranz sich selbst erkennt und zur Weisheit des vidya wird. Dafür brauchen wir die experimentelle Erfahrung der existenziellen Natur (prakriti) und des essenziellen Selbst (purusha). Prakriti macht Purusha erfahrbar und Purusha macht Prakriti erlebbar. Das süsse Spiel der maya in all ihrer komplementären Gegensetzlichkeit…bis wir es leid sind.

Die Erkenntnis (jnana) die sich durch die klare Einsicht des Viveka gewinnt, benötigt die Hingabe (bhakti) zur unverhafteten Einstellung der Vairagya, welche sich in der Aktion (karma) des rechten Bemühens des Abhyasa ausdrückt. Alles in einem und das Eine in allem – Dualität hat verloren. Es ist die Kunst der gelebten Erfahrung die uns unbewusst bindet oder bewusst befreit.



 *Die fünf Erfahrungsmöglichkeiten des wahrnehmenden Bewusstseins*

…pancha-chitta-vritti…

pramana-vritti – die verstandene Erfahrung

viparyaya-vritti – die unverstandene Erfahrung

vikalpa-vritti – die eingebildete Erfahrung

nidra-vritti – die nicht-Erfahrung

smriti-vritti – die erinnerte Erfahrung

(Erfahrung austauschbar mit Wissen, Wahrnehmung, Eindruck, Erinnerung…im absoluten Sinn auch Gedanke)



 *Korrelationen*

 …die vier prozessierten Kapitel der Yoga-Sutren als Grunddefinition…

 Samadhi Pada – der bewusste Prozess – Yoga

Sadhana Pada – der persönliche Prozess – Chitta

Vibhuti Pada – der potenzielle Prozess – Vritti

Kaivalya Pada – der essenzielle Prozess – Nirodha



 *Yoga – vierfältig*

 I.1 Yoga-anushasana – die Exposition des Yoga

I.2 Yoga-chitta-vritti-nirodha – die Definition des Yoga

II.1 Kriya-Yoga – die Aktivität des Yoga

II.28 Yoga-anushthana – die Performanz des Yoga