ASANA & PRANAYAMA

Selbsterfahrung durch Unterscheidung und Integration

Der Körper offenbart unseren Atem mittels Asana und der Atem, mittels Pranayama, offenbart unser Wesen; vom Körper zum Atem zum Wesen(tlichen). Solche Offenbarungen und wesentliche Erfahrungen können jedoch durch übertriebenen gedanklichen Hype (Vritti) wie Fantasie, Einbildung, Träumerei oder schlicht fehlendem Verständnis (Y.S. I.2, 6) verzögert oder gar verpasst werden; dies ist möglich und oftmals der Fall. Wenn die Motivation zur Praxis mehr in der Selbstbestätigung als in der Selbstherausfindung liegt, werden wir blind für die essenziellen Botschaften des Körper und Atem.

Wenn der Körper sich über Asana stabilisiert, öffnet und durchlässig wird (Y.S. II.46/47), gibt er von selbst den Atem frei und bereitet den Weg zu feineren Praktiken. Wann? Wenn ich mit Asana meine körperlichen Hindernisse aufgeräumt habe und meine Respiration nicht mehr für diese kompensieren muss. Wann? Wenn ich eine gute Weile sitzen kann ohne das mein Körper oder meine Gedanken den Atem aus der Ruhe bringen!


Asana

Anfangs mögen wir mit einer recht wirren Respiration dastehen und atmen relativ wahllos. Wenn wir mit Asana beginnen reguliert sich der Atem auf die körperliche Ebene (hinunter) und verbindet Bewegungs- mit Respiratinosabläufen. Das ist der körperliche Atem der durch Bauchkontrolle eine enorme physische Schubkraft entwickeln kann: Nabelrückzug (Nabhi-bandha) und vertikal-spinaler Atem (Ujjayi); Ein erster Schritt von einer wirren zu einer gezielten Respiration, bzw. von einem unkoordinierten zu einem koordiniertem Körper – Das Abc der Asana.

Wenn Hüfte und Schulter sich stabil öffnen (sthira-sukha; Y.S. II.46) und die Wirbelsäule ‚freilegen‘, beruhigt sich der Atem in den Bauch, ‚verschwindet‘ im Nabel und entspannt das durchlassende Segel des Zwerchfells in neue Räume der Atementfaltung und Erfahrung (prayatna-shaithilya; Y.S. II.47).

Der Körper kann nun die diversen Prozesse der Haltung und Bewegung in Asana immer einfacher ausführen und ist nicht mehr auf die sonore Schubkraft des physischen Atem angewiesen. Erst verstehen sich körperliche Bewegungsabläufe in Asana mittels Respiration, dann befreien sie sich von ihr. Dieses konstante Loslassen und Verinnerlichen äusserer Stützen und Aufwände beruhigt und befähigt den Körper enorm. Immer müheloser belastet er den Atem immer weniger. Die Praxis wird äusserlich sehr still und innerlich sehr lebendig.

Für die nötige Expertise im Pranayama (Normalisierung der Respiration) bedarf es der erfahrenen und verstandenen körperlichen Ebene der Asana auf der es fussen und sich herausentwickeln kann. Die Erfahrung in Asana das ein guter Atem wenig respiriert, ist sowohl Voraussetzung als auch Motivation in der herausfordernde Praxis des Pranayama. Die Idee Asana langfristig mit einem aufgestezten oder vorgegebenem Atem zu üben ist absurd. Es ist immer die momentane Verfassung bzw. Kapazität die angibt wie fein und dennoch entspannt sich die Respiration in Asana halten kann, um dem Atem zu ermächtigen.


Pranayama

Pranayama: Kontrolle (Yama) der hinderlichen und Ausdehnung (Ayama) der dienlichen Umstände des Atem. Wenn die Umstände sprich die Respiration kontrolliert ist (Yama), kann sich das Wesen (Prana) ausdehnen (Ayama).

Mittels Praxis der Asana mag es klargeworden sein das die Respiration zwar die Umstände des Atem ausmachen, der Atem an sich aber weit über die Respiration hinausgeht und unser Wesentliches an sich also ‚per se‘ ist. Respirieren wir normal, optimal oder mangelhaft bewirkt das ein normal, optimal oder mangelhaftes Wesen. Dieses Wesen ist das pranische, vis vitalis-che, stoffwechselige Element – unser Odem!

Die Kontrolle (Yama) des Pranayama erreiche ich entweder durch ‚Aufbau‘, d.h. ich respiriere einmal pro Minute, was etwa 4 Liter Luft ausmacht (unsere Homöosthasis!). Oder durch ‚Abbau‘ was heisst das ich viele kleine Respirationen pro Minute mache die zusammen 4 Liter Luft verbrauchen. Das eine entspricht dem ‚Langen‘ Dirgha Ansatz und das andere dem ‚Feinen‘ Sukshma Ansatz aus der sutrischen Pranayama-Defination, Y.S. II.50. Beide haben dasselbe Ziel, die Kontrolle der Respiration um passende Umstände für den Atem zu ermöglichen.

Die Ausweitung (Ayama) im Pranayama erreiche ich durch gekonntes Zurückhalten der Respiration. Um unsere Atemkapazität erst an normale und später in der fortgeschrittenen Praxis an optimale Verhältnisse zu gewöhnen, bedarf es der Praxis der Atemrückhälte oder Kumbhaka. Der Atemrückhalt erhöht unsere Toleranz dem Kohlendioxid gegenüber und sorgt so für gesteigerte Sauerstoffversorgung der Zellen. Wenn wir durch Kumbhaka gesteigerte Werte oder Toleranzen erreicht haben, nutzen wir Asana um diese Werte zu normalisieren und etablieren.

Eine mögliche authentische Asana-Pranayama Praxis im Sinne des feinen Sukshma Ansatzes der Yoga-Sutra: Asana mit bestmöglicher Atemregulierung auszuführen, d.h. den Atem so klein, fein und entspannt (weicher Bauch!) wie möglich zu halten. Und den Atemrückhalt als Praxis des Pranayama der die Atemkapazität weiter ausdehnt. Asana und Pranayama gehen Hand in Hand; das eine reguliert, das andere dehnt aus. Unser wesentlicher Zustand (sprich Homöosthase, sprich normaler Atem, sprich vier Liter pro Minute, sprich uns über lange Zeit extrem wenig vorkommend aber eigentlich nur normal) genest und heilt sich aus. – Asana & Pranayama.

Einen anderen Hinweis gibt die Gheranda Samhita im fünften Kapitel über Pranayama, wenn sie über die wünschenswerte Reduzierung der Ausatmung spricht (was ja nur über eine reduzierte Einatmung geschehen kann). Diese reduzierte Respiration dann zu verdoppeln, d.h. verfeinern, subtilieren, ununterbrochen pochend und sich selbst transezendierend wird als Methode des angestrebten Kevala Kumbhakas angegeben (G.S. V.88-91).

Oder in der Bhagavad Gita im vierten Kapitel über dem Yoga der Handlung wird das Pranayama der Yogins als ein Ritual beschrieben wo sich erst der Einatem in den Ausatem und der Ausatem in den Einatem opfert und ununterscheidbar wird; einatem fliesst in den ausatem fliesst in den einatem und transzendiert, verliert, opfert sich dabei. Und schliesslich sich diese subtile Respiration als Ganzes in den Rückhalt (nichtrespirierender oder zellulärer) Atem opfert bzw. transzendiert (B.G. IV.29/30).

Oder auch wieder im ersten Kapitel der Yoga Sutren wo der Ausatem in die Pause danach fällt, sich dort verliert und dieser Rückhalt zur Geistesstabilisierung genutzt wird (Y.S. I.34).


Um den Atem auch ausserhalb der Praxis langfrisitg normal und heil zu halten, bedarf es einer Re-kalibrierung unseres Atemzentrum das entgegen so mancher Vorstellung eben nicht auf Sauerstoff sondern auf Kohlendioxid reagiert; und zwar auf das rechte Mass das bei 6.5% liegen sollte. Aufgrund eines degenerativem Lebensstils und resultierender Überatmung hat es sich jedoch oftmals zum Teil drastisch nach unten abnormalisiert. Im gesunden Fall, wenn unsere Lungen(bläschen) eine 6.5%ige CO2 Konzentration erreicht haben, signalisiert unser Atemzentrum den Reflex zur Einatmung und nicht vorher. Meistens müssen wir aber wesentlich vorher Luft holen, da wir die Toleranz einen normalen Atem auszuhalten weitgehend verloren haben.

Um diese Toleranz erneut zu erreichen und unser Atemzentrum zu normalisieren spricht das Pranayama von mehreren über Tag und Nacht verteilte Übungszeiten (H.Y.P. II. 11); sachte, stetig und entspannt um unseren Respirationsbedarf sicher umzugewöhnen (H.Y.P. II. 15). Ein mit falschem Effort erreichtes Pranayamaniveau mag ausserhalb der Praxis böse zurückschlagen und umgekehrte Auswirkungen haben (H.Y.P. II. 16). Schliesslich geht es weniger um den Atem den wir während der Praxis entwickeln, als um den Atem der uns während des Alltags erhält – Weniger um das bischen Atem das wir bewusst machen als um das viele Atem das wir unbewusst machen.

Dieses Beharren auf der notwendigen Läuterung unserer energetischen Vorgänge (Nadhis, Granthis, etc.) mittels Prana-Regulierung im Yoga, entspricht dem Fundament der westlichen Physiologie. Deren körperfunktionale Aussagen beruhen auf der Einhaltung von Normen (Temperatur, Puls, pH, Blutdruck, etc.), die der Atem über die rechten Gasverhältnisse seiner Respiration gewährleistet.

Leichtfertiges Vertrauen auf spirituelle oder pharmazeutische Versprechen sind ein Versuch diesem Beharren auszuweichen und in beiden Fällen wird die Verantwortung nur zu gerne aus der Hand und einem Guru oder einer Lobby übergegeben.

Bezeichnenderweise wird im populärem Yoga oftmals mehr Gewicht auf die Anatomie als auf die Physiologie gelegt. Die Vorstellung uns auf mechanische Anatomie zu reduzieren ist schrecklich primitiv – Wir sind bio-organische Wesen!

Solche Prozesse werden mit gehörigen persönlichen Reflektierungen, Reinigungen (auch in Form ungewollter Befreiungen) und Herausforderungen einhergehen weshalb die Tradition so sehr die nötige innere Reife (Maturität versus Authorität) und ein vertrauendes Schüler-Lehrer-Verhältnis betont, das nicht beim ersten Zweifel oder Reaktion zusammenfällt – Atha Yoganushasanam!

Da die Bereitschaft dafür (nicht nur) im westlichen Yoga überwiegend abhanden gekommen ist, ist auch das Pranayama praktisch verschwunden. Was übrig bleibt ist meist eine unverstandene und traurige aber populäre Umkehrung der Verhältnisse die zur aktiven Überatmung auffordert, was sowohl abnormal, unwesentlich und potenziell kränklich ist. Dies wieder ins rechte Licht zu rücken mag eine wertvolle Aufgabe des modernen Pranayama sein!